Pünktlichkeits-Check: Das war der Flugsommer 2020

  • 10 September 2020

Berlin, 10. September 2020 – Nur wenige Reisesommer werden wohl so deutlich in Erinnerung bleiben wie der Sommer 2020. Wochenlang mussten Flugzeuge wegen der Coronakrise am Boden bleiben, zahlreiche Passagiere warten bis heute auf eine Rückzahlung der Ticketkosten für ihre Flüge. So unterscheidet sich dieser Flugsommer grundsätzlich von den vorherigen. Dennoch starteten auch in diesem Jahr einige der Flüge, die wieder planmäßig stattfinden konnten, mit Verspätung oder fielen kurzfristig aus. Wo Passagiere häufig warten mussten und welche Ziele in diesem besonderen Jahr am beliebtesten waren, haben die Fluggastrechtsexperten von Flightright ermittelt.

Mehr als 72 Prozent weniger Flugverkehr ab Deutschland
Die Coronakrise hat die Luftfahrtbranche vor große Herausforderungen gestellt: Airlines konnten ihren Flugplan nicht wie geplant umsetzen, was auf die umfassenden Reisewarnungen und eine insgesamt geringere Nachfrage nach Flügen zurückzuführen ist. Besonders bemerkbar hat sich dies im Zeitraum vom 01.06. bis 31.08.2020 gemacht, wo Langstreckenverbindungen ab Frankfurt, München und Düsseldorf komplett wegfielen. Während in Frankfurt letztes Jahr noch ungefähr 68.550 Flüge starteten, waren es in diesem Sommer mit etwa 20.600 Flügen fast 70 Prozent weniger. In München ist der Unterschied sogar noch größer: Hier starteten nur knapp 12.400 Flüge statt wie im vergangenen Jahr rund 52.700. Das entspricht einem Rückgang um 76 Prozent. Insgesamt hat sich die Zahl der Abflüge in Deutschland im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um mehr als 72 Prozent reduziert. Während von Juni bis August 2019 insgesamt etwa 268.800 Flüge in die Ferien starteten, waren es dieses Jahr nur ungefähr 75.200 Flüge.

Viele Flugausfälle auch in diesem Sommer
Aber auch die Fluggäste hat es stark getroffen: Bis heute warten Tausende auf eine Erstattung ihrer Flugtickets und werden von den Airlines weiter hingehalten. Doch nicht immer war Corona schuld an Verspätungen und Ausfällen. Denn auch seitdem viele Airlines Anfang Juni ihre Flugpläne wieder hochgefahren haben, mussten Passagiere schon mit den nächsten Verspätungen und Ausfällen kämpfen. Unter den zehn Flughäfen mit den meisten Abflügen von Juni bis August gab es prozentual die meisten Ausfälle an den Flughäfen Dortmund (0,9 Prozent) und Köln/Bonn (0,7 Prozent). Dafür starteten Reisende von dort am pünktlichsten: In Köln/Bonn waren nur 1,5 Prozent aller Flüge mit mehr als 30 Minuten verspätet, in Dortmund waren es 1,8 Prozent. Die anteilig meisten Verspätungen gab es am Flughafen Frankfurt mit 3,1 Prozent, gefolgt von den Flughäfen Stuttgart (2,8 Prozent) und Hannover (2,5 Prozent).

Kleine Flughäfen besonders von Ausfällen betroffen
Vor allem kleinere Flughäfen, von denen sonst vor allem Ferienflieger starten, waren und sind von Pandemie-bedingten Ausfällen betroffen. Vom Flughafen Memmingen hoben dieses Jahr lediglich circa 920 Flüge ab, das sind etwa 41 Prozent weniger als noch 2019. Der Flughafen Münster/Osnabrück verzeichnet beinahe die Hälfte (48 Prozent) weniger Flüge zur Hauptreisezeit als im Vorjahr. Dieses Jahr starteten etwa 780 Flüge, 2019 waren es noch ungefähr 1.480. Am Flughafen Leipzig/Halle hat sich der Flugverkehr im Vergleich zu 2019 sogar um 86 Prozent reduziert. Letztes Jahr starteten dort circa 3.400 Flüge, dieses Jahr waren es im gleichen Zeitraum lediglich knapp 460.

Geringes Reiseaufkommen: Flugpläne der Airlines wenig zuverlässig
Obwohl diesen Sommer weitaus weniger Flüge ab Deutschland starteten und auch die Auslastung geringer war als sonst, waren Flugverspätungen keine Seltenheit: So hoben etwa 1.700 Flüge mit einer Verspätung von mehr als 30 Minuten und circa 110 Flüge sogar mit einer Verspätung von mehr als drei Stunden ab. Zum Vergleich: 2019 kam es bei knapp 34.900 Flügen zu einer Verspätung von mehr als 30 Minuten und etwa 800 Flüge starteten erst über drei Stunden später als geplant. Trotz Krise konnten auch dieses Jahr Flugausfälle nicht vermieden werden, circa 360 Flüge wurden annulliert. Zwar ist das nicht zu vergleichen mit dem Flugsommer 2019, wo etwa 3.300 Flüge (1,2 Prozent) ausgefallen sind. Aber es zeigt deutlich, dass die Airlines selbst bei geringerem Reiseaufkommen ihre Flugpläne nicht verlässlich durchführen. “Im Vergleich zu letztem Jahr gab es diesen Sommer verhältnismäßig wenig Flugausfälle. Allerdings ist hier zu bedenken, dass sich diese Annullierungen lediglich auf die Zahl der stattfindenden Flüge nach der Corona-bedingten Anpassung der Flugpläne bezieht”, erklärt Oskar de Felice, Rechtsexperte bei Flightright. “Wir gehen davon aus, dass in den Sommermonaten dieses Jahres ursprünglich mindestens genauso viele Flüge geplant waren wie im Vorjahreszeitraum, wenn nicht sogar noch mehr. Doch dann kam Corona”, so de Felice weiter.

Im Rahmen des Möglichen: Diese Ziele waren bei den Deutschen besonders beliebt
Die Urlaubsmöglichkeiten waren dieses Jahr aufgrund von Reisebeschränkungen und -warnungen begrenzt, dennoch erfüllten sich viele Deutsche ihren Wunsch nach einem Urlaub im Ausland. Die Zahl der Abflüge ab Deutschland kann dabei als Indiz für die beliebtesten Urlaubsziele gewertet werden. Wie auch letztes Jahr belegt Spanien Platz 1 der Lieblingsziele, dorthin gingen von Juni bis August knapp 9.200 Flüge. Damit bleibt Spanien weiterhin das beliebteste Land, hat aber 67 Prozent weniger Urlauber aus Deutschland begrüßt als 2019, als es noch etwa 27.500 Flüge waren. Auch die Türkei mit mehr als 6.800 und Italien mit etwa 4.000 Flügen sind dieses Jahr im Ranking erneut unter den Top-5-Destinationen. Anders als im Vorjahr gehört Griechenland mit rund 5.000 Flügen dieses Jahr auch zu den Top 5. Allerdings starteten damit 50 Prozent weniger Flüge als im Vorjahr, wo die Zahl der Flüge noch bei circa 10.000 lag. Und auch Portugal ist mit etwa 1.800 Flügen im Top Ten Ranking mit dabei.

19 Millionen Euro potenzielle Entschädigungsansprüche
Nach Schätzungen von Flightright ergibt sich aus den Flugausfällen und -verspätungen ein potenzieller Entschädigungsanspruch von rund 19 Millionen Euro. Das sind 148 Millionen Euro weniger als im Vorjahreszeitraum. “Bei der Ticketerstattungsmentalität der Airlines erlebten Passagiere in den vergangenen Monaten teils herbe Enttäuschungen. Viele haben die Hoffnung auf die ihnen zustehenden Rückzahlungen wohl schon fast aufgegeben. Trotz langwieriger Ticketerstattungsprozesse sollten Reisende jedoch nicht vergessen, dass ihnen auch in der Krise für große Verspätungen und Ausfälle in einigen Fällen eine Entschädigung nach EU-Fluggastrecht zustehen kann, z. B. wenn der Flug weniger als 14 Tage vor der Reise annulliert wird. Sollten sich die Fluggesellschaften trotz eindeutiger Rechtslage hier ein weiteres Mal querstellen, setzen wir uns auch hier für das Recht der Passagiere ein”, so de Felice.

Disclaimer
Alle Angaben zu Flügen, Verspätungen und Annullierungen basieren auf den uns zur Verfügung stehenden Daten. Die Daten sind reliabel, erheben jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Sie erfassen den Zeitraum vom 01.06. bis 31.08.2019 bzw. 2020. Bei den hinsichtlich des Flugaufkommens analysierten deutschen Flughäfen handelt es sich jeweils um die zwanzig Airports mit den meisten Abflügen im betrachteten Zeitraum. Bei den bezüglich Verspätungen und Ausfällen analysierten deutschen Flughäfen handelt es sich um die zehn Airports mit den jeweils meisten Abflügen im betrachteten Zeitraum. Zur besseren Vergleichbarkeit der Ergebnisse wurde der Anteil der Verspätungen und Ausfälle im Verhältnis zum Gesamtabflugvolumen der Flughäfen berechnet